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Lettland für Reisende

Heldenfriedhof bei Riga.1

Geographisches

. Bei einem Flächeninhalt von 65.000 qkm, der folglich größer ist als das Gebiet Dänemarks, Hollands oder Belgiens, weist Lettland eine Bevölkerung von fast 2 Millionen (1.951.000) auf, d. h. ca. 30 Einwohner je qkm. 76% der Bevölkerung sind Letten, den Rest bilden Deutsche, Russen, Polen, Juden etc. Ein Drittel der Bodenfläche besteht aus Ackerland, den übrigen Teil nehmen Wälder (28%), Wiesen, Weiden und Moore ein. Über 1000 Seen und an die 500 Flüsse bewässern das Land. Die Hautströme sind die Daugava - ein altbekannter Wasserweg nach dem Osten Europas, die Lielupe - die das Bewässerungsnetz der Provinz Zemgale bildet, die Gauja - das Tal der „Livländischen Schweiz". Fauna und Flora: reicher Bestand an Schwarzwild, Rehen, Auer-, Birk- und Wasserwild, in Ostlettland vereinzelt Wölfe und Luchse; über 2000 Pflanzenarten, darunter zahlreiche Heilpflanzen. Bei einer mittleren Sommertemperatur von + 18°C herrscht ein mildes Wald-Seeklima.

Lettland grenzt an Litauen, Polen, die Räteunion, Estland und an das Baltische Meer.

Verkehrswege

. Direkte Eisenbahnverbindungen (Schlaf- und Speise-wagen) mit allen Hauptstädten West- und Mitteleuropas, sowie regelmäßige Schiffsverbindungen nach Häfen der Nord- und Ostsee sichern dem Reisenden zu jeder Jahreszeit die Möglichkeit, Lettland zu besuchen. Während des Sommers verbindet auch regelmäßiger Flugverkehr Riga mit anderen Hauptstädten des Kontinents. Das Schienennetz des Inlandes wird durch Kraftwagenstrecken ergänzt, denen bis in die entlegensten Gegenden des Landes ausgezeichnete Chausseen und Landwege zur Verfügung stehen. Die Fahrpreise sind billig. Ein dichtes Fernsprechnetz dehnt sich über das ganze Land.

Wer Erholung von anstrengender Berufsarbeit sucht, wer in Ruhe neue Eindrücke und Anregungen in sich aufnehmen will, dabei die überlaufenen Touristenwege gerne meiden möchte, der wähle Lettland zum Reiseziel.

Das Freiheitsdenkmal zu Riga.2
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Städte In Lettland.

Riga

, die Hauptstadt Lettlands mit 400.000 Einwohnern, 1201 gegründet, im Mittelalter Hansestadt, 1621—1710 schwedische Festung, heute größter baltischer Hafen und wichtiger Umschlagsort für den Handelsverkehr zwischen West und Ost. Moderne Kühlhausanlagen und wichtige Industrien. Verwaltungs- und Handelszentrum des Landes. Trotz reicher geschichtlicher Erinnerungen überwiegt in der Stadt, wie überall im Lande, der Eindruck einer neuen Zeit. Schnellzugs- und Flugverbindung mit allen größeren Zentren West- und Mitteleuropas, komfortable Hotels und Pensionen in allen Preislagen. Bekannt gute Küche und berühmtes kaltes Büffet. Gastronomische Spezialitäten — Lachs, Lachsforelle, Neunaugen, Krebse, Branntwein („Dzidrais”), Fruchtweine.

Bequemster Ausgangspunkt für Ausflüge: außer Eisenbahn weitverzweigter Kraftomnibusverkehr auf guten Autostraßen. Die Eisenbahnverwaltung veranstaltet von Riga aus unter sachkundiger Führung Wochenendfahrten nach den landschaftlich und historisch interessantesten Punkten des Landes.

Sehenswürdigkeiten

: das Freiheitsdenkmal (aus Spenden des ganzen Volkes errichtet 1931—1935), Heldenfriedhof der im Befreiungskriege Gefallenen, beides Schöpfungen des lettischen Bildhauers K. Zäle; Schloß des Staatspräsidenten, ehemaliges Ordensschloß, erbaut im 16. Jahrhundert; der Dom — die Kathedrale des ev.-luth. Erzbischofs; St. Peter — mit seinem 137 Meter hohen Turm in Holzkonstruktion; Pulverturm als Rest ehemaliger Befestigungen; Schwarzhäupterhaus — ältestes Profangebäude der Stadt mit vielen geschichtlichen Erinnerungen. Neuere Bauten: Nationaloper (erbaut 1863), Markthallen, Justizpalast.

Museen und Sammlungen

: Staatliches Kunstmuseum und Historisches Museum mit reichen ethnographischen Sammlungen (beide im Schloß); Städtisches Kunstmuseum; Dommuseum (Geschichte Riga's); Kriegsmuseum im ehemaligen Stadtturm (Pulvertürm); Freilichtmuseum am Juglasee3; Zoologischer Garten; Staatsbibliothek; Stadtbibliothek (im Rathaus).

Jelgava

. Verwaltungszentrum der Landesprovinz Zemgale, ehemalige Residenzstadt der Kurländischen Herzöge. Sehenswürdiges Schloß, erbaut vom Grafen Rastrelli (Bauzeit 1735—1772), sowie Schloßgruft der Herzöge.

Liepāja

. Lettlands zweitgrößte Hafenstadt mit 60.000 Einwohnern erfreut sich auch als Seebad immer steigender Beliebtheit. Da am offenen Meere gelegen, höherer Salzgehalt und stärkerer Wellenschlag des Meeres, als am Rigaschen Strande. Gut eingerichtetes Kurmittelhaus, in dem auch Heilschlammbäder appliziert werden. Preiswerte Unterkunft. In schönem Waldgelände unweit Liepāja der Badeort Bernāti.

Gruppe vom Freiheitsdenkmal.4
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Heilbäder.

Ķemeri

, staatliches Schwefel- und Moorbad, 40 Kilometer von Riga, 5 km vom Strande der Ostsee entfernt, auch auf guter Autostraße zu erreichen. Durch seine Schwefelquellen und seinen Heilschlamm weltbekannt. Von Waldungen und Parks umgebene moderne Bäderanlagen. Vollautomatische Bäderbereitung; Moorpackungen. Ärzte für alle Spezialgebiete. Ausgezeichnete Heilerfolge sei: Rheuma, Neuralgie, Ischias, Lähmungen, Rückenmarksleiden, Hautkrankheiten, Frauenleiden, chronischen Metallvergiftungen. Kurbetrieb das ganze Jahr über. Voranmeldung bei der Kurverwaltung geraten. Kurhotel, eröffnet im Mai 1936, mit allem modernen Komfort, Heilbäder im Hause, erstklassige Verpflegung. Die ausgedehnten und anmutigen Parkanlagen bieten eine eigenartige und reichhaltige Flora. Gelegenheit zu Sport, Seebädern, Zerstreuung.

Nähere Information durch: Ķemeru sēravotu iestāde, Lettland (Tel. Ķemeri 7).

Baldone

, ebenfalls in staatlicher Regie, 34 km von Riga entfernt; Eisenbahn- und Kraftomnibusverbindung. Altberühmte Schwefelquellen. Schöne Waldlage, daher auch als Luftkurort beliebt. Gruppe vom Freiheitsdenkmal.

Kandava

— gemütliches Landstädtchen, Schwefelquelle, Bäder- und Luftkurort.

Tor zum Heldenfriedhof.5

Seebäder.

Das Ostseebad

Rigas Jūrmala

(Rigascher Strand) vereinigt Natur und Kultur in seltener Harmonie, und dies dicht vor den Toren einer Großstadt. Auf einer schmalen, vom Meere und dem Flusse Lielupe gebildeten, stark bewaldeten, sehr malerischen Landzunge gelegen, ist Rigas Jüpnala der rechte Ort zur Erholung und Entspannung. In einem 20 km langen Wald- und Dünengebiet liegt eine Reihe idyllischer Villenorte — Bulduri, Avoti, Dzintari, Majori, Dubulti, Melluži, Asaŗi. Kilometerweit dehnt sich der breite, flache, feinsandige Badestrand, der sich nur langsam in die See senkt. Vor Winden wird der Badestrand durch hohe waldbedeckte Dünen geschützt. Die Badesaison dauert vom Mai bis zum September. Mittlere Wasser- und Lufttemperatur in dieser Zeit zwischen 18° und 25° C. Eine reiche 4 Auswahl von Hotels und Pensionen mit vorzüglicher Verpflegung. Auch Einzelvillen mit vollständiger Einrichtung, je nach den Ansprüchen, stehen zur Vermietung. Symphoniekonzerte, Sportplätze, Wassersport, Tennis.
Der Rathausplatz zu Riga mit dem Schwarzhäupterhaus.6

Von Riga aus mit der Eisenbahn (jede halbe Stunde ein Zug) sowie auf tadelloser Autostraße zu erreichen. Alle näheren Auskünfte erteilt die Stadtverwaltung Rigas Jūŗmala.

Vecāķi und Saulkrasti

, 18 resp. 48 km von Riga an der Eisenbahnlinie Riga—Limbaži gelegen, sind stille, aber aufblühende Badeorte am Oststrande des Rigaschen Meerbusens. Einzelvillen zu sehr annehmbaren Preisen.

Luftkurorte.

Die Livländische Schweiz

, das Gaujatal in der Gegend von Sigulda, Krimulda und Turaida (Eisenbahnstation Sigulda) mit alten Burgruinen, malerischen Schluchten, Höhlen, schönen Wäldern. Vorzügliche Hotels, Pensionsbetrieb im Schloß des lettischen Pressevereins in Sigulda.

Zwischen Riga und Sigulda, an Eisenbahn und Autostraße, inmitten weiter Nadelwälder Ropaži und Inčukalns.

Nördlich von Sigulda Cēsis, malerische Kreisstadt im Gaujatal mit Burgruine; stark besuchter Wintersportplatz.

An der Eisenbahn nach Daugavpils liegt im Daugavatal inmitten malerischer Waldungen Ogre, etwas weiter Koknese (im Pērsetal) und Pļaviņas. Die letzten Orte dienen zu Ausgangspunkten für Fahrten in das Daugavatal zum Staburags, einem sagenumwobenen Felsen.

Von Kandava, schon oben als Badeort genannt, gelangen wir in das idyllische Tal der Abava und ihrer Nebenflüsse Imula und Amula, auch Kurländische Schweiz genannt, als Luftkurort seit jeher bekannt.

Die Ostprovinz Latgale mit ihren Wald- und Binnenseelandschaften ist durch ihre Naturschönheit und volkstümliche Eigenart besonders sehenswert.

Die National-Oper zu Riga.7
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Sport und Wandern.

Jäger, Angler und Naturfreunde kommen in Lettland auf ihre Kosten. Vorherige Fühlungnahme mit einschlägigen lettischen Organisationen wird empfohlen. Die ausgedehnten Gewässer begünstigen die Jagd auf Wasserwild. Die Wälder Kurzemes beherbergen Wildschweine; bemerkenswert ergiebig ist die Jagd auf Auer- und Birkhähne.

Gute Autostraßen ermöglichen das Bereisen des Landes in Kraftwagen. Kennzeichnung der Wege mit Wegweisern und Tafeln macht auch Fußtouren besonders lohnend, zumal ein Netz von Herbergen zur Unterkunft der Wanderer bereitsteht. Eine besondere Fremdenverkehrsstelle beim Innenministerium sorgt für sachkundige Führung an den interessantesten Orten, gibt Wegekarten heraus und setzt die Preise für Verpflegung in den Herbergen fest.

Einreise­bestimmungen.

Staatsangehörige folgender Staaten bedürfen zur Einreise nach Lettland keines Visums: Deutschland, Estland, Finnland, Italien, Japan, Liechtenstein, Litauen, Norwegen, Österreich, Schweiz und Tschechoslowakei. Sommerreisende aus Schweden und Polen erhalten gebührenfreie Visen.

Nach erfolgter Einreise genießen Bürger obengenannter Staaten gebührenfreies Aufenthaltsrecht und zwar: die Angehörigen Deutschlands, der Schweiz, Liechtensteins und Japans — bis zu 1 Monat, Estlands, Österreichs, Italiens, Norwegens, Litauens und der Tschechoslowakei — bis zu 2 Monaten, Finnlands — bis zu 3 Monaten.

Angehörige der übrigen Staaten haben bei einer lettischen Vertretung im Auslande ein Einreisevisum einzuholen, das für einen Aufenthalt von 30—60 Tagen ausgestellt wird. Inhaber von sogen. „Nansenpässen" bezw. Staatenlose müssen in allen Fällen durch eine lettische Vertretung im Auslande die Genehmigung des Innenministeriums zur Einreise nach Lettland einholen, sowie eine Kaution hinterlegen. Ebenso ist die Einreise von Staatsangehörigen Spaniens, Persiens, Chinas und Mandschukuos von der vorherigen Genehmigung des Innenministeriums abhängig, jedoch fällt die Hinterlegung einer Kaution in diesen Fällen fort. Kurz vor Ablauf der im Visum angegebenen Aufenthaltszeit ist eine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen, für die je Woche Ls 18 zu entrichten ist. (Litauische und estnische Staatsangehörige sind von dieser Gebühr befreit.)

Besuchern der Heil- und Seebäder Lettlands, sofern sie Inhaber nationaler Pässe sind, wird das Visum für die Dauer der Saison nach Entrichtung der entsprechenden Gebühren von der örtlichen Polizeibehörde verlängert. Das Einreisevisum gilt innerhalb der vorgeschriebenen Zeit auch für die Ausreise, mit Ausnahme der Angehörigen der UdSSR.

Ausländer, und zwar Erwachsene sowie Jugendliche von 17 Jahren ab, die länger als sechs Monate in Lettland verweilen, haben der Paßkontrolle bei ihrer Ausreise eine Bescheinigung der Steuerbehörde über Regelung etwaiger Steuerverpflichtungen vorzulegen.

Durchreisevisen

berechtigen zum Aufenthalt in Lettland nur während der Durchreise, jedoch keinesfalls länger als drei Tage. Falls das Einreisevisum nach einem Nachbarlande bereits vorliegt, können Durchreisevisen auch im Zuge während der Paßkontrolle an der Grenze ohne Gebührenaufschlag ausgestellt werden.

Ausländer haben sich nach der Einreise bei der örtlichen Polizeibehörde anzumelden. Die Anmeldung besorgt der Hotel- oder Hausverwalter.

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Im Rigaer Hafen.9
Der Rigaer Zentralmarkt.10
Alt-Riga.11

Zollbestimmungen.

Zollrevision des Handgepäcks erfolgt im Zuge an der Grenze oder im Hafen nach der Ankunft. Zoll- und verbrauchssteuerfrei sind alle für die Reise und kürzeren Aufenthalt nötigen Gebrauchsgegenstände, ferner Berufsinstrumente, Fotoapparate, Schreibmaschinen, Ferngläser, 7 Krankenstühle, Sportgerät. Zollfrei können mitgeführt werden: Mund Vorrat für 2 Tage, alkoholische Getränke in geöffneten Flaschen bis zu 1 Liter und 200 Gramm Tabak bezw. 100 Zigaretten bezw. 25 Zigarren je erwachsene Person.

Bei der Ausreise aus Lettland findet eine Zollrevision nicht statt.

Ausländische Zahlungsmittel

, die bei der Einreise vom Auslande an der Grenze registriert werden, können innerhalb 3 Monaten in demselben Betrage wieder ausgeführt werden. Um in Einreise-, Zoll- und Devisenfragen ganz sicher zu gehen, wird den Beisenden dringend empfohlen, vor der Reise von den lettischen Vertretungen im Auslande Auskünfte über die zur Zeit bestehenden Verordnungen auf diesen Gebieten einzuholen.

Hotels und Pensionen.

In allen Städten Lettlands findet der Reisende Hotels, Gasthäuser und Pensionen in verschiedenen Preislagen. Das Büro für Fremdenverkehr beim Innenministerium (Riga, Brivibas ielā 37) weist auch Unterkünfte in kleineren Orten und auf dem flachen Lande nach.

Die bekanntesten Hotels in Riga sind: „Rom” gegenüber der Nationaloper, „Petersburg” am Schloßplatz, „Metropol” an der Hauptpost.

Die beliebtesten Restaurants und Cafes Rigas sind: „Otto Schwarz” und „Romkeller”, beide im Hotel Rom, „Esplanade”, „Café de l'Opéra”, „Cafe Luna”, „Café Reiner”. Eine Sehenswürdigkeit sind die Milch-Bars des Zentralverbandes lettischer Molkereigenossenschaften.

Frühling in Lettland.12

Auskünfte.

Reiseauskünfte erteilen bereitwilligst die konsularen Vertretungen Lettlands an allen größeren Plätzen. Dortselbst auch Literatur über Lettland, sowie Spezialauskünfte in Handels-, Zoll- und Aufenthaltsfragen. Auskünfte (gegen Rückporto) erteilen ferner „Cejtrans” — Staatliches Reisebüro, Riga, Aspazijas bulvāris 4, und Liepāja, Rožu laukums 12; Reisebüro „Baltischer Lloyd”, Riga, Tirgoņu ielä 22, und Liepāja, Rožu laukums 11; Reisebüro „Wagons-Lits-Cook”, Riga, Kaļķu ielā 1.

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Geschichtliches.

Zusammen mit den Litauern, den alten Preußen und einigen anderen, jetzt erloschenen Volksstämmen bilden die Letten den baltischen Zweig der indoeuropäischen Völkerfamilie. Beredtes Zeugnis von ihrer tief in die Zeiten zurückgreifenden Abstammung legt ihre Sprache ab, die durch ihre Anklänge an das Sanskrit u. a. ein bevorzugtes Forschungsobjekt der vergleichenden Sprachwissenschaft ist.

Die einzelnen lettischen Stämme, so die Kuren in der Gegend des heutigen Liepāja, die Semgallen am Lauf der Lielupe, die Selen am Mittellauf der Daugava u. a. m. bildeten selbständige Staatswesen mit eigenen Fürsten und Führern, ehe Eingriffe fremder Mächte den natürlichen Staatsbildungsprozeß unterbrachen. Diese lettischen Stammesgebiete standen in regen Beziehungen zu anderen Völkern. Die Daugava war seit je ein bevorzugter Handelsweg der Wikinger. Zahlreiche auf lettischem Gebiet gemachten Funde arabischer, römischer und skandinavischer Münzen zeugen von lebhaftem Handelsverkehr. Seiner geographischen Lage, die einerseits so viele fremde Kultureinflüsse und wirtschaftlichen Austausch zur Folge hatte, hat es das lettische Volk aber auch zu verdanken, daß es seine nationale Eigenart durch alle Stürme bewahrt hat. Solange der russische Staat noch nicht erstarkt war, hatten die Nationen des Nordens und Westens die Führung im Verkehr zwischen West und Ost und verhinderten das Vordringen der Russen an die Ostsee. Skandinavier, Dänen und Deutsche versuchten abwechselnd, sich am Ostufer des baltischen Meeres festzusetzen, bis es schließlich im 13. Jahrhundert den Deutschen gelang, auf dem Gebiete des heutigen Estland und Lettland einen lockeren Staatenbund zu schaffen. Als unter Peter dem Großen Rußland erstarkte, drang es seinerseits vor und unterwarf sich in heftigen Kämpfen mit Polen und Schweden das von den Deutschen ehemals besetzte Gebiet. Diese Kriege brachten zwar unsägliches Elend über das lettische Volk, verhinderten aber gleichzeitig, daß irgend eine der im Kampfe liegenden Mächte die Möglichkeit fand, das lettische Volk seiner nationalen Eigenart zu entfremden und einem fremden Kulturkreis einzuverleiben.

Herbstegen.

Auch in den Jahrhunderten der deutschen Oberherrschaft bildete das lettische Volk die Grundlage des materiellen Lebens des Landes, denn die Deutschen blieben stets nur eine dünne Oberschicht. Die zu Beginn persönlich freien Bauern wurden gegen Ende des 15. Jahrhunderts an die Scholle gefesselt und leibeigen. 1561 brach der 9 deutsehe Ordensstaat in Alt-Livland zusammen. Das vom lettischen Volk besiedelte Gebiet wurde unter andere Mächte aufgeteilt. Das Gebiet südlich der Daugava, die heutigen Provinzen Kurzeme und Zemgale, bildete bis zum Jahre 1795 das Herzogtum Kurland. Dieses Herzogtum erreichte im 17. Jahrhundert im Zeitalter des Merkantilismus eine hohe Blüte. Unter seinem Herzog Jakob entwickelte es eine Industrie, besaß eine Kriegs- und Handelsflotte und erwarb eigene überseeische Kolonien. Der östliche Teil von Vidzeme (damals Livland), das heutige Latgale, kam an Polen, weshalb die Letten dieser Provinz heute katholisch sind, während die übrigen Letten der protestantischen Kirche angehören. Die heutige Provinz Vidzeme wurde schwedisch und erlebte eine Zeit wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwungs.

Lettische Bauernsöhne kämpften unter Gustav Adolfs Fahnen in Deutschland für die Sache des Protestantismus.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kam Vidzeme durch den Nordischen Krieg an Rußland; dasselbe Schicksal ereilte dann am Ende des Jahrhunderts auch Kurzeme und Latgale. In demselben Jahrhundert verschärfte sich die Lage des lettischen Volkes überaus, da um jene Zeit die Leibeigenschaft ihre volle Ausgestaltung erfuhr. Aber das Bewußtsein der nationalen Eigenart blieb auch dann lebendig und flüchtete u. a. in den großen Schatz an Volksliedern, den das lettische Volk aus den Zeiten der Freiheit herübergerettet hatte und der im 19. Jahrhundert gesammelt wurde.

Die Ideen der Aufklärung und der gesamte Umschwung in den Wirtschaftsmethoden führte zu Anfang des 19. Jahrhunderts zur Aufhebung der Leibeigenschaft, der eine geraume Zeit später auch die Möglichkeit zum Landerwerb folgte. Der lettische Bauernstand begann wirtschaftlich und kulturell zu erstarken. Die nationale Bewegung, die im 19. Jahrhundert durch ganz Europa ging und u. a. zur Einigung Deutschlands und Italiens führte, weckte auch im lettischen Volk das nationale Bewußtsein. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts setzt das nationale Erwachen der Letten mit Macht ein. Aus der rechtlosen Masse der leibeigenen Bauern wird in kurzer Zeit ein selbstbewußtes, sozial gegliedertes Volk, das das 20. Jahrhundert in voller Bereitschaft antritt, die Leitung seiner Geschicke selbst in die Hand zu nehmen.

Die Burgruine von Koknese.

In den revolutionären Unruhen von 1905 flammt das erstarkte Selbstbewußtsein, zunächst sozial betont, auf, wird aber von der russischen Fremdherrschaft unterdrückt. Während des Weltkrieges setzen die lettischen Vertreter in der russischen Reichsduma die Bildung besonderer Lettischer Regimenter durch, die heldenmütig und unter schweren Verlusten die Front bei Riga verteidigen. Eine andere Keimzelle kommender staatlicher Selbständigkeit ist das Flüchtlingskomitee in St. Petersburg, das die Loslösung Lettlands von Rußland vorbereitet, die mit dem Zusammenbruch des Zarismus in den Bereich der Möglichkeit rückt. Am 18. November 1918, noch während der deutschen Okkupation des Landes, erfolgt die Proklamierung der unabhängigen Republik Lettland. Doch erst nach neuen schweren Kämpfen kann das Land vom Feind gesäubert werden. Am 26. Jan. 1921 wird Lettland von den Großmächten anerkannt, und am 22. Sept. desselben Jahres wird es in den Völkerbund aufgenommen. Nach einer Periode demokratischen Parlamentarismus besitzt das Land seit dem 15. Mai 1934 eine autoritäre Regierungsform unter der Führung seines Staats- und Minister-Präsidenten Dr. K. Ulmanis. Nach innen und außen geeint, steht Lettland heute als stabiler Staatsorganismus 10 mit geordneten politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen da. Im Herbst 1936 wurde Lettland von der Vollversammlung des Völkerbundes in den Völkerbundsrat gewählt.

Bildung und Kunst.

Allgemeine Schulpflicht; breit ausgebautes Schulnetz. Universität (11 Fakultäten) in Riga. Landwirtschaftsakademie in Jelgava. Staatliche Kunstakademie, Konservatorium. Deutsche private Hochschule „Herderinstitut”. Opernhäuser in Riga und Liepāja, ersteres mit berühmtem Ballett. Schauspielbühnen: in Riga sechs (darunter auch deutsch, russisch), sowie in allen größeren Städten. Zahlreiche Volkshäuser und Bibliotheken auf dem Lande.

Lettische Jugend beim Volkstanz.
Fischersleute vom lettischen Strand.

National­feiertage.

Tag der nationalen Einigkeit am 15. Mai, Unabhängigkeitstag am 18. November. Am 24. Juni Volksfeiertag, Johannistag, das alte Lihgo- oder Sonnenwendfest, welches mit alten Gebräuchen und Volkstänzen gefeiert wird.

Erntezeit.
Sommer-Sonnwende in Lettland (23./24. Juni). (Das Lihgo-Fest.)
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Wirtschaftliches.

Währungseinheit ist der Lat — 100 Santimi. Parität: 25,22 Ls - 1 Pfd. Sterling. Lettland ist in erster Linie Agrarland, 60% der Bevölkerung sind landwirtschaftlich tätig. Siedlungsweise der Landbevölkerung in Einzelhöfen. Ca. 90% der Höfe haben eine Fläche von 2—50 ha. Es gedeiht Viehzucht, Ackerbau, Molkereiwesen. Die Industrie beschäftigt ca. 20% der Bevölkerung. Hauptzweige sind Holz-, Textil-, Lebensmittel- und Gummiindustrie. Wichtigste Ausfuhrwaren: Holz, Butter, Flachs, Bacon, Vieh, Saaten, Zündhölzer, Papier und Zellstoff. Haupt-Einfuhrwaren: Kohle, Öle, Industrie- und Landmaschinen, Wolle und Baumwolle, Kunstdünger. Ein Großkraftwerk an der Daugava bei Ķegums zur Elektrifizierung des Landes ist im Bau.

Erntedankfest des lettischen Volkes
Volkstanz um’s Johannisfeuer.13
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[Reiserouten nach Riga]
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Der Rigasche Strand (Rigas Jūŗmala). [oberhalb und unterhalb]
Kurhotel im Moor- und Schwefelbad Ķemeri.

Heilbad Ķemeri

— weltberühmt durch seine Schwefelquellen und seinen jodhaltigen Heilschlamm. Kurbad seit 1838.

Eine Vollkur nebst Wohnung und Verpflegung ist schon von Ls 116 monatlich an erhältlich (etwa 55 RM).

Die Saison beginnt am 25. Mai, der Kurbetrieb wird Jedoch das ganze Jahr hindurch aufrecht erhalten. Das neue Kurhotel Ķemeri wurde im Jahre 1936 eröffnet. Es enthält 160 Betten. Warmwasserversorgung, Fernsprech- und Kundfunkanschluß in jedem Raum. Hallen, Restaurant-Bar, Bücherei, Lesezimmer, Billardzimmer, Schachecke und Bridgezimmer; Friseur und kosmetisches Kabinett im Hause. Dachgarten-Cafe. Eigene Kurabteilung im Hause: Inhalationsraum, Rontgenkabinett, Elektro-cardiograph, Medizinisch-chemische Laboratorien. Moderne Licht-, Wärme- und Elektro-Therapie. Ultra-Kurzwellen-Behandlung.

Der Preis je Zimmer mit voller Verpflegung beträgt während der Hochsaison nicht mehr als Ls 8—11 täglich, in der Vor- und Nachsaison sowie während des Winters Ls 6—8 täglich.

Auskünfte, auch schriftlich, bei: Ķemeru sēravotu iestāde (Schwefelbad Ķemeri), Tel. Ķemeri Nr. 7, Lettland.

Ein Baderaum in der Kuranstalt von Ķemeri.
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Sommer am Rigaschen Strande (Rīgas Jūŗmala).
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BLICK AUF RIGA.
Lettische Staatspapierdruckerei, Rīga, 1. Maskavas ielā 11.

1"Military Cemetery in Rīga, referring to Brethren Cemetery, Brāļu kapi.
2Freedom Monument, Brivibas Piemineklis.
3Open-Air [Ethnographic] Museum on Jugla Lake, Brīvdabas muzejs.
4The lower group represents work, Darbs, above it facing to the left is the Bear-Slayer, the heroic figure of the Latvian national epic, Lāčplēsis, and facing to the right, a figure group representing Latvia, Latvija.
5Right side of main entry gate to Brethren Cemetery, Brāļu kapi.
6Town Square with the House of the Blackheads↗, built in the eadly 14th century, destroyed in 1941, rebuilt 1995–1999.
7National Opera, Nacionālā opera.
8One Latvian lat. The lat was restored as Latvia's currency following the fall of the Soviet Union. Latvia has since become a member of the European Union and converted to the euro.
9Rīga's export harbor. To the left is the State Cold Storage Facility.
10Rīga's central market in a repurposed dirigible hangar. The market is still there, and thriving, today, and is a gstronomic experience not to be missed.
11Riga's Old City, Vecrīga. The warehouse is still standing. The double-doored entrance at right now leads to a popular concert hall.
12Latvians in traditional folk costumes.
13Dancing around the bonfire is an essential part of the Midsummer's Night Līgo celebration.
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